Anna Thur

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Schlagwort: Rezension (Seite 1 von 4)

[Rezension] Die Brockhaus Weihnachtsgeschichte nach Charles Dickens

Langsam zieht eine weihnachtliche Grundstimmung auf, Zeit für die passenden Geschichten. In der Bibliothek habe ich mir die Weihnachtsgeschichte von Dickens als Graphic Novel rausgesucht. In letzter Zeit hatte ich mit Graphic Novels unheimliches Glück, deswegen bin ich etwas verwöhnt, wie ich sofort feststelle.

Der Anfang ist etwas langatmig, die Geschichte wird sehr trocken erzählt. Ein bisschen mehr Spannung hätte sich da ruhig aufbauen lassen. Ich überspringe Seiten, schaue, ob es sich bessert. Und dann das: Das Ende ist etwas sehr süß erzählt und gezeichnet. Der Wandel von Ebenezer Scrooge kam dafür zu schnell. Auffallen auch die langen Sprechblasen und dass die Großbuchstaben, in denen der Text geschrieben ist, das Lesen erschweren. Insgesamt ist es erwartungsgerecht brockhausmäßig solide umgesetzt. Aber so richtig Spaß habe ich nicht und werde das Buch nicht mitnehmen.

 

Klappentext

Das Fest der Liebe steht vor der Tür. Doch der grantige und kaltherzige Geizhals Ebenezer Scrooge lehnt das Weihnachtsfest ab. Da bekommt er unerwarteten Besuch: Der Geist seines Geschäftspartners prophezeit Scrooge ein düsteres und einsames Ende. Es folgen die Geister der vergangenen, der diesjährigen und der zukünftigen Weihnacht, die ihn mit auf eine Zeitreise nehmen. So besinnt Scrooge sich schließlich, sein Leben zum Guten zu ändern. // Die oft adaptierte Weihnachtsgeschichte von 1843 ist einer der berühmtesten und vor allem herzerwärmendsten Romane von Charles Dickens. // Die Reihe Brockhaus Literaturcomics bereitet Klassiker in mitreißenden Bildergeschichten auf. Mit diesen Bänden wurde ein vielbeachtetes neues Buchformat geschaffen, das junge Leser ab 10 Jahren an die großen Geschichten der Weltliteratur heranführt. Zu jedem Comic gibt es im Anhang Informationen zum Werk und zum Autor. Weitere Titel aus der Reihe Brockhaus Literaturcomics sind erhältlich.

 

Fakten

Eine Weihnachtsgeschichte // Charles Dickens

Text: Patrice Buendia

Zeichner: Jean-Marc Stalner

Brockhaus Literaturcomics

ISBN 978-3-577-00330-8

Das Buch bei Lovelybooks.

[Rezension] Throne of Glass – Die Erwählte von Sarah Maas

Von höllischer Sklavenarbeit zu einem fiesen Wettkampf, nach dem sie entweder im Auftrag des König morden oder zurück zur für sie mit Sicherheit tödlichen Minenarbeit muss. Das ist die Geschichte von Celaena, die temporeich und leicht erzählt wird.

Die Hauptfigur Celaena ist eine harte Killerin, die sich auf Süßigkeiten stürzt und sie verschlingt, bis ihr schlecht ist, bei Hundewelpen dahinschmilzt, unbedingt auf Bälle möchte und dann die mysteriöse Schönheit ist, die alle verstohlen anschauen. Sie ist eine zarte Fastfrau, mit wehenden Haaren, die als Auftragskillerin Hunderte getötet hat, eine gefürchtete Assassinin, der ihr Ruf weit vorauseilt. Sie ist so viel und noch mehr liegt im Verborgenen. Aber diese Vielfältigkeit ist gar nicht verwirrend und wirkt auch nicht unentschlossen. Die Autorin schafft es, die Figur mit diesen ganzen Regenbogenfacetten so zu zeichnen, dass es glaubwürdig erscheint. Sie ist eben noch verdammt jung und ihre Entwicklung nicht abgeschlossen. Man ist neugierig, mehr über sie und ihre Vergangenheit zu erfahren. Davon erhoffe ich mir auch einiges in den kommenden Teilen der Reihe, denn hier ist noch nicht alles erzählt und es wäre durchaus eine Schwachstelle, wenn da Fragen offen bleiben würden.

Insgesamt würde ich von dem Buch keine Hochliteratur erwarten, aber es ist gut erzählt, kurzweilig und schlüssig. Die Fantasyelemente kommen nicht mit dem Holzhammer daher. Sondern wir gleiten langsam in die Welt jenseits der Magie, in die Welt der Wyrdzeichen und Dämonen, hinein.

Spannend erzählt ist auch, wie sich zwei Männer in sie verlieben, wie sich Freundschaft entwickelt und wie Celaena nach ihrer üblen Vergangenheit wieder anfängt, Gefühle zuzulassen und Menschen zu vertrauen. Hier ist nicht alles ganz überraschend erzählt. Manche Ereignisse und Entwicklungen sind durchschaubar. Aber in dem Moment, in dem sie stattfinden, sind sie so persönlich, dass es das wettmacht und man wieder mit den Figuren mitfiebern kann.

Gesamturteil: Von der ersten Seite an packend und bis zum Schluss mit nur ganz leichten Schwächen spannend. Ich freue mich unheimlich auf die nächsten Bände – die Reihe hat definitiv Suchtfaktor und bei Goodreads wird das Buch 5 von 5 Sternen bekommen.

 

Fakten

Sarah Maas
Trhone of Glass – Die Erwählte (Band 1 der Reihe)

Aus dem Englischen von Ilse Layer
Hardcover
Deutsche Erstausgabe
500 Seiten
Ab 14
ISBN 978-3-423-76078-2

dtv Verlag

[Rezension] A. G. Howard // Dark Wonderland (2) – Herzbube

Der Anfang ist ein Liebesroman, diesen Stil muss man mögen. Leider ist das nicht so meins, trotzdem lese ich weiter, weil ich wissen möchte, was mit Alyssa, was im bzw. um das Wunderland herum geschieht. Dann taucht das Wunderland auf und ich habe das Gefühl, dass es jetzt besser wird. Nur für einen kurzen Augenblick, denn schon nach wenigen Seiten ist es wieder irgendwie ermüdend.

Es ist ein ständiges Hin und Her, ohne dass es wirklich zur Sache geht. Die von der Autorin anscheinend neu entdeckte Verliebtheit in Klamotten führt außerdem dazu, dass sie eine so große Rolle spielen, dass es schon wieder langweilig wird. Die Gothic-Ideen, die sie spinnt, sind großartig. Trotzdem kommt man nicht umhin, es etwas übertrieben zu finden.

Ab etwa der Mitte wird es lesbarer. Die Geschichte nimmt an Fahrt auf, auch wenn hier wieder das auftritt, was schon den ersten Band geprägt hat: Mit den Intrigen und Machtverwirrungen des Wunderlands verstrickt sich die Geschichte so weit, dass es schwierig wird, ihr zu folgen.

Und plötzlich ist man kurz vor Ende des Buches und fragt sich, was geschehen ist. Einerseits ist es gut, dass die Geschichte so schnell nach vorne geschritten ist, offene Fragen geklärt wurden und etwas passiert. Andererseits fühlt es sich nicht so groß und wichtig an, wie ständig betont wird, dass es das ist. Es gehen Dinge vor sich, die alles zerstören können, die Menschenwelt und Wunderland bedrohen, ernsthaft bedrohen. Aber irgendwie sind es viele Worte, die nicht wirklich durchdringen. Es gibt schön Kleider, Farben, Gefühle und trotzdem bin ich nicht mit ganzem Herzen bei den Figuren. Man bleibt merkwürdig distanziert. Im ersten Band war trotz all der Phantastik mehr Nähe da, habe ich mich mehr mit den Charakteren identifiziert.

Und ZACK Howards schafft es doch wieder. Kurz vor Schluss kriegt sie mich und ich gehe aus dem Buch mit der Frage: Wie geht es weiter? Wann kommt der dritte Teil auf Deutsch oder muss ich ihn auf Englisch lesen, werde ich ihn verstehen?

Hoch anrechne ich der Autorin auf jeden Fall, dass sie mit einem erzählerischen Tabu bricht und einen Konflikt zwischen zwei Figuren schürt, der dann zwar wieder beigelegt wird, aber trotzdem wirkt er in dem Moment so, wie sich kaum ein Autor es traut. Hier will ich nicht mehr verraten, um nicht zu spoilern, wer trotzdem mehr wissen will, kann mir gerne einfach mailen.

Was ich noch beim ersten Band kritisiert habe, dass die prickelnden, erotischen Szenen vielleicht nicht der Zielgruppe ab 14 Jahren entsprechen, ist jetzt ausgemerzt. Es ist diesbezüglich harmlos und wirkt durchgängig eher wie ein Highschool-Sonntags-Märchen. Stattdessen tauchen gruselige und blutige Elemente auf, die auch nicht ganz ohne sind. Heißt, die wunderlichen Elemente, die der Klappentext ankündigt, sind nicht so niedlich wie sie klingen sondern düster.

Insgesamt werde ich dem Buch bei Goodreads 3 von 5 Sternen geben.

 

Klappentext (Quelle Randomhouse):

Hör auf das Flüstern: Sie sind hier …

Alyssa Gardner ist durch den Kaninchenbau gegangen, wurde zur roten Königin gekrönt und hat mit dem Bändersnätch gekämpft. Alyssa ist die Nachfahrin von Alice Liddell – besser bekannt als Alice im Wunderland. Jetzt muss sie bloß noch den Schulabschluss machen und ein ganz normales Leben mit ihrer großen Liebe Jeb anfangen. Wäre da nur nicht der finstere, verführerische Morpheus, der sie zu einem neuen gefährlichen Abenteuer überreden will. Dabei geht es um nichts Geringeres als die Rettung von Wunderland. Alyssa weigert sich, ins Reich hinter dem Spiegel zurückzukehren. Doch hat sie wirklich eine Wahl? Plötzlich wimmelt es in ihrer eigenen Welt vor wunderlichen Gestalten …

 

Fakten:

A.G. Howard
Dark Wonderland – Herzbube (Band 2 der Wonderland-Reihe)

Originaltitel: Unhinged
Originalverlag: Abrams
Aus dem Englischen von Michaela Link
Verlag: cbt

Deutsche Erstausgabe
Ab 14 Jahren

Gebundenes Buch
480 Seiten
ISBN: 978-3-570-16374-0
€ 17,99 [D] | € 18,50 [A] | CHF 24,50 * (* empf. VK-Preis)

eBook
Format: epub
ISBN: 978-3-641-15322-9
€ 13,99 [D] | CHF 17,00 * (* empf. VK-Preis)

erscheint am: 23. November 2015

[Rezension] Howard // Dark Wonderland (1) – Herzkönigin

Von Anfang an zieht die Geschichte dich in ihren Bann. Die Geschichte beginnt mit einer sehr klaren Sprache, klaren Bildern, es ist schön zu lesen. Und ab dem zweiten Drittel macht die Autorin etwas, was ich „den Leser besoffen schreiben“ nenne. Die Erzählweise verändert sich, wird wesentlich blumiger, wir tauchen in das Wunderland ein. Morpheus umlullt unseren Verstand wie den von Alyssa. Es fühlt sich so richtig an, als würde man beim Lesen besoffen werden und in den Fängen dieses dubiosen Typen sich verwickeln. Dieses Gefühl kann sehr schön sein, muss es aber nicht und manchmal mag ich es auch gar nicht. Denn dann kann es vorkommen, dass ich wie im Traum durch die Seiten eile und vergesse, was ich gerade gelesen habe, oder es nicht genau greifen kann.

Gleichzeitig wird es ab der Mitte leider etwas langweilig. Das ewige Hin und Her zwischen Jeb und Alyssa ist etwas ermüdend, man wünscht sich hier endlich eine Lösung, die nicht im Entferntesten in Aussicht steht. Der Einstieg in das Buch lief über sehr viel Tempo, es gibt eine Aufgabe in sehr knapper Zeit zu erledigen und plötzlich scheint die Zeit verschwunden zu sein. Alyssa verliert sich gerade und so fühlt man sich auch als Leser. Ich verliere mich zwischen den Zeilen. Ich verliere die Geschichte zwischen den Zeilen.

Da wirkt das Buch undurchdringlich wie eine Dornenhecke nur das die Dornen manchmal spitz und verletzend sind, während manche klebrig sind und dich gefangen nehmen.

 

„Meine Fingernägel bohren sich in meine Handflächen. ‚Nur weil du das Schlimmste in mir zum Vorschein bringst.‘ ‚Oh, nein, Liebes. Ich bringe das Leben in dir zum Vorschein.‘ Sein tiefer Blick haut mich um. Das Schlaflied trällert in mir … Ich presse mir die Finger auf die Schläfen, um ihn aus meinem Kopf zu verbannen.“ (S. 314)


Die Schwäche, die ab der Mitte auftaucht, kann die Autorin leider nicht auffangen. Was am Anfang als Fünf-Sterne-Buch anfing, ist im zweiten Drittel nur noch ein Drei- bis Vier-Sterne-Buch. Vielleicht ist es dem Stoff geschuldet, dass sich hier so eine lethargische Wirrheit breit macht, die Szenen bunt schillernd aussehen lässt, die aber nur schwer zu verstehen sind. Auch die intriganten Züge von Morpheus bleiben schleierhaft, die Machtstrukturen im Wunderland undurchsichtig. Man hofft, dass sich der Schleier heben möge und man auch endlich versteht, was wirklich mit Alice im Wunderland geschehen ist.

 

„Manchmal muss eine Flamme einen Wald zu Asche verbrennen, bevor etwas Neues wachsen kann. Ich glaube, dass Wunderland eine Reinigung brauchte.“ (S. 431)

 

Das schafft die Autorin am Ende aufzuklären und auch, die Fäden wieder so zusammenzufügen, dass klar ist, was passiert ist und worin die Intrige bestand, obwohl ich das auch etwas einschränken muss. Hundertprozentig ist mir nicht alles klar geworden, aber es ist nicht so gravierend und so interessant, dass ich noch einmal nachlesen würde. Auf jeden Fall gibt es überraschende Wendungen und ein unerwartetes Ende, ich bleibe mit Lust auf den zweiten Band zurück und möchte mehr lesen, mehr von dieser Welt. Aber der Wehrmutstropfen ist, dass das Buch deutlich seine Schwächen hat. Dazu gehören übrigens auch Sätze, die Fragezeichen hinterlassen:

 

„Ich will genauso sehr wie du, dass dies vorüber ist“, sagt er mit einer herzlichen Aufrichtigkeit, die ganz Grönland zum Schmelzen bringen könnte. (S. 397)

 

Noch einen Gedanken zur Alterseinordnung des Buches. Offiziell ist es für Leserinnen und Leser ab 14 Jahren deklariert. Die Hauptfigur Alyssa ist 16 Jahre alt. Die erotischen Komponenten sind nicht sehr explizit und trotzdem sehr prickelnd, was bei mir die Frage aufwirft, ob es der Sexualität in dem Alter entspricht? Davon abgesehen ist das Ende der Dreiecksgeschichte sehr komplex und da auch wieder mit so viel Prickeln, dass ich mich schon frage, ob es zur Altersgruppe passt. Hier würde ich als Mutter, wenn es um mein Kind ginge, einmal mehr hinschauen, ob es zu meinem Kind passt.

 

Klapptentext (Quelle cbt Verlag):

Alyssa kann Blumen und Insekten flüstern hören, eine Gabe, die schon ihre Mutter um den Verstand brachte. Denn sie sind die Nachfahrinnen von Alice Liddell – besser bekannt als Alice im Wunderland. Als sich der Zustand ihrer Mutter verschlechtert, kann Alyssa ihr Erbe nicht mehr leugnen, sie muss jenen Fluch brechen, den Alice damals verschuldet hat. Durch einen Riss im Spiegel gelangt sie in das Reich, das so viel finsterer ist, als sie es aus den Büchern kennt, und zieht dabei ihren besten Freund und geheime Liebe Jeb mit sich. Auf der anderen Seite erwartet sie jedoch schon der zwielichtige und verführerische Morpheus, der sie auf ihrer Suche leitet. Aber wem kann sie wirklich trauen?

 

Der zweite Teil der Reihe „Dark Wonderland – Herzbube“ erscheint übrigens am 23. November 2015.

 

Hast Du das Buch gelesen und hat es Dir gefallen?

[Rezension] Stoppt die Welt, ich will aussteigen!

Sofort festgelesen – dieses Buch zieht dich mit seinen abwechslungsreich gestalteten Abschnitten hinaus in die Welt, in seine Buchwelt. Bilder, Textabschnitte und Randnotizen machen es kurzweilig, dem Autoren durch seine sehr fluffig-salopp erzählten Trips zu folgen. Zwischendurch kommt zwar kurz die Frage auf, ob der Stil zwischen Bullshit-Bingo, versteckten Coaching-Tipps und Oohhhmmm nicht doch zu viel werden könnte. Aber Krengel bekommt immer wieder die Kurve. Klar, muss man den Stil mögen. Auf eine öffentlich publizierte Werbung für die Hauptstadt der Mongolei, Ulan Bator, antwortet er:

„Das ist natürlich Bullshit. Dafür ein umso besseres Beispiel für schlechtes Stadtmarketing. Die Superlative und das Marketing-Bla-Bla sind durchschaubar und unwirklich. Sie rufen bestenfalls ein belustigtes Kopfschütteln hervor, wenn sie nicht einfach nur nerven. Die Wahrheit ist: Ulan Bator ist die kälteste Hauptstadt der Welt. Wahrscheinlich auch die hässlichste. Genau das macht sie so faszinierend.

Die Stadt wurde lange zwischen Sowjets und Chinesen hin- und hergeschubst bis sie schließlich in der Bedeutungslosigkeit versank.“ (S. 32)

 

Offen gestanden sind die Coaching-Anklänge für Reisewillige, die es zwischendurch gut dosiert gibt, so gar nicht meins. Aber wer das mag, für den ist es toll – gute Infos zum selbst umsetzen lassen sich daraus ziehen. Das ist der im Titel versprochene Arschtritt.

Und im hinteren Teil des Buches, wenn man vielleicht des Stils schon müde sein könnte, gibt es mehr längere Texte, sogenannten Fließtext. Das kommt sehr gut.

Besonders gefallen hat mir, abgesehen von der sehr persönlichen Krengel-Sprache, das, was an vertraulichen Details auftaucht. Sie sind nie zu intim, schaffen aber eine angenehme Atmosphäre. Zum Beispiel dann, als er seine Freundin nach sieben Monaten wieder trifft, sie sich erst freuen und dann aber feststellen, dass es gar nicht so einfach ist, den Faden wieder aufzunehmen. Solche Momente sind sehr schön und warm erzählt, ohne zu dick aufzutragen.

Auf jeden Fall ist das ein Buch, was man immer mal wieder zur Hand nehmen kann. In einem Stück ist es eher schwer zu lesen. Und ich könnte mir vorstellen, dass es ein schönes Geschenk für Freunde ist, die eigentlich schon die Hummeln im Allerwertesten haben und noch einen kleinen Schubs brauchen …

 

Klappentext:

Wie fühlt es sich an, loszulassen und das Leben zu Leben, das man leben möchte? Martin Krengel nutzt seine Weltreise, um mit anderen Lebensstilen und Arbeitsformen zu experimentieren. Er betreibt Anti-Zeitmanagement auf Fiji, macht eine Digital-Detox-Diät auf Tahiti und zieht als digitaler Nomade durch Südamerika.

In einem Mix aus Mega-Metropolen und entlegensten Orten erlebt er skurrile Abenteuer: Er übernachtet in einem Irrenhaus in der Südsee, kuriert seine Höhenangst durch einen Sprung aus 4.500 Metern, wird von einem Delfin im Amazonas verprügelt und entgeht nur knapp einer Prostata-Massage in Thailand.

+++++ Krengels spitzfindiger und facettenreicher Bericht zeigt: Reisen bewegt. Beine UND Kopf. Reisen fördert und fordert: das Loslassen, den Umgang mit Unerwartetem, mit zu vielen Menschen, mit zu wenigen Menschen, und der Unsicherheit darüber, welcher Schritt der nächste ist, wenn einem die ganze Welt offen steht.

+++++ Das Buch ist eine Einladung. Zum Loslassen und Sich-selbst-auf-die-Schliche-kommen. Zum Sich-einlassen auf das Neue und Unerwartete. Ein Wachrüttler und Reise-ver-führer mit viel Inspiration zum Aufraffen und Nachmachen. Ein Plädoyer für Freiheit und den Mut, seinen eigenen Träumen zu trauen.

 

Link zum Buch & Autor.

[Rezension] Alles, was man wissen muss in 140 Zeichen

Es ist ein etwas kleineres, handliches Buch und die abgerundeten Ecken fallen gleich auf. Das Kind sieht das Buch und ist etwas irritiert, wenn alles, was man wissen muss, in 140 Zeichen passt, warum ist dann das Buch so dick?

Das Inhaltsverzeichnis verspricht viel und sofort kommt bei mir die Journalistin durch: Wer ist eigentlich dieser Kuhn, hat der auch die Fakten gegengecheckt? Ernsthaft, im Inhaltsverzeichnis sieht man, wie viele verschiedene Wissensgebiete angerissen werden. Dieses Wissen kann doch nicht eine Person alleine haben. Stimmt jetzt wirklich alles, was in dem Buch steht? Angefangen bei der Geschichte der Menschheit, Musik und Malerei bis hin zu Naturwissenschaften und Mythologie (der unterschiedlichen Kulturkreise natürlich). Recherchiert man nach, findet man heraus, dass der Autor Spiegel-Bestseller geschrieben und eine journalistische Ausbildung hat. Hoffen wir also mal das Beste.

Los geht es mit der Entwicklung der Menschheit. Zum Beispiel wird über den Homo Sapiens geschrieben:

„‘Weiser Mensch‘. Jetztmensch. Besonderes Merkmal: Enorme Zunahme der Hirnleistung gegenüber seinen Vorfahren. Lebt sein ca. 250 000 Jahren.“ (S. 10)

 

Oder über den Homo neanderthalensis wird zusammengefasst:

„Lebte parallel zum Homo sapiens (vermischte sich teils mit ihm). Vor 30 000 Jahren ausgestorben. Nutzte Feuer und eine einfache Sprache.“ (S. 10)

 

Vor jedem Kapitel gibt es eine Einleitung, die wesentlich über 140 Zeichen aber nicht über eine Seite hinausgeht. Das relativiert dann manchmal schon die doch etwas extrahierten Wissensbrocken. Die Römerzeit wird mit den wichtigsten Begriffen, Errungenschaften und Ereignissen auf sieben Seiten vorgestellt. Das ist ein super Überblick und in diesem Rahmen völlig ausreichend, besonders durch die Kapitel einleitenden Worte.

Bei den Naturwissenschaften gefällt mir die Auswahl nicht ganz so gut. Hier gibt es wahrscheinlich einfach zu viel zu wissen und das Credo des Buches ist, einen guten Grundstock für die Allgemeinbildung zu legen. Die ist bei mir anscheinend hier schon vorhanden und ich finde kaum etwas Neues. Dennoch wiegen die anderen Kapitel das wieder auf und es ist ein durchaus sehr empfehlenswertes Buch, gerade auch zu Weihnachten. Der Autor selbst schreibt:

„Ein Doktortitel zum Verschenken.“

 

Nur ein kleiner Wehmutstropfen bleibt am Ende. Das Buch ist solide verarbeitet, mit einem etwas dickeren Papier von herkömmlicher Qualität. Hier hätte ich mir für ein Buch, das man immer wieder gerne in die Hand nehmen soll, eine etwas wertigere Gestaltung vorstellen können. Das Buch ist durchaus solide, auch nach mehrfachem Benutzen, aber wenig handschmeichelnd.

 

Klappentext:

Unsere Gewohnheiten der Mediennutzung und Wissensaneignung haben sich in den letzten Jahren gewaltig verändert. In Zeiten von Newsfeeds, Klickstrecken und Web 2.0 wird der sogenannten Net-Generation öfter nachgesagt, dass sich ihre Aufmerksamkeitsspanne stark verringert hat. Trotzdem ist das Bedürfnis nach Information und Bildung ungebrochen. Dieses originelle Wissenskompendium wird beidem gerecht, denn es vermittelt das komplette Weltwissen in »Häppchen« von nur jeweils 140 Zeichen – das ist die Länge, die ein Tweet bei Twitter haben darf.

Der Leser lernt alles, was er wirklich wissen muss, etwa über die Geschichte Europas, unsere Sprache, die wichtigsten philosophischen Strömungen, prägende Designepochen, die Meilensteine der Kunst und die Grundlagen der Naturwissenschaften. Kompakter und prägnanter wurde der klassische Allgemeinbildungskanon noch nie vermittelt!

Oliver Kuhn verkaufte von seinen originellen Wissenskompendien wie Alles, was ein Mann wissen muss weit über 300.000 Exemplare und stand monatelang auf der Spiegel-Bestsellerliste. Dieses Buch ist das unverzichtbare Kompendium für alle, die ihr Allgemeinwissen in kurzer Zeit auffrischen, ergänzen und erweitern möchten.

 

Über den Autor schreibt der Riva Verlag:

OLIVER KUHN ist Absolvent der Deutschen Journalistenschule in München. Er ist Autor mehrerer Spiegel-Bestseller, u. a. Alles, was ein Mann wissen muss und Arschgeweih: Das wahre Lexikon der Gegenwart. Beim mvg Verlag erschien ein weiterer Spiegel-Bestseller aus seiner Feder: Deutschland Deppenland.

 

[Rezension] Graphic Novel „Verdammnis“ von Stieg Larsson

Verdammnis von Stieg Larsson habe ich mehrfach gelesen und gesehen. Trotzdem ist die Graphic Novel spannend, man kann das Buch einfach nicht mehr aus der Hand legen. Der Text ist außerordentlich gut, präzise, passend. So passend, dass an einigen Stellen auf Text verzichtet wird. Man gleitet durch die Geschichte, drängt immer weiter vorwärts.

Es ist verständlich, ohne zu langweilen. So steigen wir zu Beispiel mit Lisbeths zusammengefasster Vergangenheit ein. Die Figuren lassen sich mit Leichtigkeit unterscheiden, eine Kunst, die nicht jede Geschichte beherrscht. Gerade an so schwierigen Punkten wie einer Redaktionssitzung oder bei Ermittlungen wird das klar, hier tauchte eine Vielzahl von Charakteren auf.

Kurz gesagt: eine bekannte Geschichte, neu aufbereitet, die attraktiv und spannend bleibt. Dazu ist das Buch unschlagbar schön: Da sind die liebevollen Zeichnungen von Lisbeth und dann die Druckveredelung in der Innenklappe, damit kriegt man mich definitiv, wenn die Veredlung gut gemacht ist.

 

Klappentext

Der Journalist Dag Svensson recherchiert über Mädchenhandel und bietet das Material dem Magazin „Millennium“ an. Wenig später findet Mikael Blomkvist Dag ermordet auf. Die Polizei verdächtigt Lisbeth Salander, da deren Fingerabdrücke auf der Tatwaffe sind. Blomkvist setzt alles daran, Lisbeth, von deren Unschuld er überzeugt ist, vor der Polizei zu finden.

 

Fakten

Autor: Denise Mina

Zeichner: Antonio Fuso // Andrea Mutti //Leonardo Manco

Stieg Larsson Millenium – Verdammnis, Teil 1

Vertigo, Panini Comics

ISBN 978-3-86201-956-4

[Rezension] „Existiert der Weihnachtsmann?“ oder: Kaplan erklärt Philosophie

Der erste Blick in das Buch war ein wenig schockierend. Es war Freitag, ich ein wenig müde und auf der Suche nach einer unterhaltsamen Wochenendlektüre. Der Klappentext war so witzig, dass ich Lust auf das Buch bekam. Doch ich klappte es auf und dann das: Minischrift, seriöses Papier, ernste Worte. Das sah auf den ersten Blick nach mehr Philosophie aus, als ich an diesem Freitag ertragen wollte. Konnte.

Also erst mal ein Instagram Bildchen machen und das Buch noch zwei drei Mal in der Hand drehen. Auf Instagram gab es dann gleich einen Kommentar, ungewöhnlich, denn ich bin noch nicht lange dort und Kommentare sind eher selten. Stolperherzchen fragt mich nach dem Buch.

Inzwischen hab ich etwas im Inhaltsverzeichnis gestöbert, stoße auf die Frage „Gibt es Odin?“ und lese hinein. Das ist doch ganz lustig. Und nach ein paar Seiten will ich dann doch wissen, wie es am Anfang losgeht und gehe zurück.

 

„Die Ontologie des Weihnachtsmanns hatte keinerlei Auswirkungen auf mein Leben, bis mein Sohn Ari in den Kindergarten kam.“ (S. 11)

 

Anfang Dezember will Ari mit einem Freund Schuyler den Zoo besuchen. Doch der Freund glaubt an den Weihnachtsmann und dabei möchte es die Mutter (Tammi) belassen. Deshalb möchte sie die Verabredung absagen, damit Ari nicht aus Versehen seinen Freund darüber informieren kann, dass es keinen Weihnachtsmann gibt.

 

„Ich fand diese Interaktion ziemlich besorgniserregend, denn Tammi war bereit, Schuylers Freundschaft mit dem realen Ari zu opfern, um seine Beziehung zum nicht realen Weihnachtsmann zu erhalten.“ (S. 13)

 

Er erzählt die Sache seiner Tochter, die antwortet, dass sie Kind ist und deshalb auch an den Weihnachtsmann glaubt. Und er erzählt es seiner Frau, Psychologin und im kommunistischen Rumänien aufgewachsen. Die antwortet darauf natürlich psychologisch-antiamerikanisch, aber Tammis Verhalten bleibt ein Rätsel. Und so macht sich Kaplan auf den Erklärungsweg …

Das ist mal eine etwas andere Art Buch als die, die ich sonst vorstelle und deshalb lasse ich Euch, um Euch den Spaß am Selbstentdecken zu lassen, jetzt einfach mit dem Buch alleine und spoilere nicht weiter.

Kurzfazit: Das Buch ist amüsant, fluffig geschrieben allerdings sollte man schon mit dem einen oder anderen Fremdwort und eben mit der kleinen Schrift klarkommen. Auf Goodreads gebe ich dem Buch 4 von 5 Sternen.

Klappentext:

Eigentlich ist die Metaphysik kein Thema zum Lachen. Aber bei dem Produzenten der Erfolgsserie The Big Bang Theory und studierten Philosophen Eric Kaplan gerät die Suche nach der Wahrheit zu einer einsichtsvollen und witzigen Erörterung der Frage, inwiefern Dinge existieren können, auch wenn es sie nicht wirklich gibt – wie zum Beispiel der Weihnachtsmann und seine Rentiere. Selbst wenn wir die Kindheit hinter uns gelassen haben und uns jemand verraten hat, wie es sich mit dem Weihnachtsmann verhält, besteht das Paradox fort: Es gibt Dinge, an die wir fest glauben, die aber doch nicht als real existent gelten.

Kaplan zeigt in diesem Buch, wie die großen Philosophen Bertrand Russell und Ludwig Wittgenstein sich bemühten, diese unangenehme Stelle, an der Reales und Irreales aufeinandertreffen, glattzubügeln – und scheiterten. Er forscht nach, wie die Mystik, der Buddhismus, der Taoismus, das frühe Christentum, die Theosophie und seine Philosophieprofessoren an der Universität versucht haben, solche Paradoxe aufzulösen. Schließlich landet er bei der Komödie als ultimativer Lösung für die fundamentalen Widersprüche des Lebens, wobei Kaplan Beispiele aus The Big Bang Theory, dem Käseladen-Sketch von Monty Python und zahlreichen anderen hinreißend wiedergegebenen Highlights der Populärkultur anführt.

 

Der Autor:

Eric Kaplan ist Koproduzent und Drehbuchautor der CBS-Sitcom The Big Bang Theory. Zuvor arbeitete er als Autor der berühmten Late Show with David Letterman, Futurama und Flight of the Conchords. Nebenbei promoviert Kaplan aktuell an der Universität Berkely.

 

Fakten:

Eric Kaplan

„Ich erklär dir die Philosophie: anhand der wichtigsten Fragen des Lebens“

Gebundene Ausgabe: 224 Seiten
ISBN-13: 978-3868835250

E-Book: Kindle Edition 5624 KB
ASIN: B00XYC2ZYA

Verlag: Riva
erscheint am: 9. November 2015

[Sternstunde] Benjamin Lacombe

Du streifst zwischen Regalen herum, so viel Papier, so viele Bücher, der Geruch und leises Rascheln von Seiten, die bedächtig umgeblättert bevor sie gekauft werden. Schöne Bücher darunter, sehr schöne, aber dann setzt für einen kurzen Augenblick dein Herz aus – das ist mehr als schön.

Du siehst ein rothaariges Mädchen, verletzlich und stark zugleich. Ein wenig befremdlich, denn ihre Augen sind ungewöhnlich groß.

Du gehst näher heran. Der Zauber bleibt, also nimmst Du das Buch mit dem Mädchen auf dem Cover in die Hand. Es ist anders als andere und dein Herz schlägt wieder, diesmal ein bisschen schneller, während deine Haut das Papier berührt, glattmatt, fest, ein richtiger Handschmeichler. Daneben noch einmal die gleichen Augen, ein anderes Buch, was an das rothaarige Mädchen erinnert. Ein Almanach.

© Matthieu Dortomb

Zwei Bücher in einem Schuber. Zu einem stattlichen Preis, den du gerade nicht einfach so hast. Aber du musst es einfach haben. Und wirst es nie bereuen. Denn das Gefühl für dieses Mädchen, für diese beiden Bücher, wird auch in den nächsten Jahren nicht weniger werden. Es bleibt ein verzaubertes Kleinod über eine Hexe und ihre Familiengeschichte, gezeichnet von einem nichtalltäglichen Künstler: Benjamin Lacombe.

Deshalb wirst du auch Jahre später ungesehen sein neuestes Buch bestellen: Superhelden, das Handbuch. Weil du Lacombe und weil du Superhelden magst. Das Buch ist anders als du es erwartest. Es ist weniger 21. Jahrhundert-Hollywood-Glamour, überhaupt nicht Marvel, einfach Lacombe und auf seine Weise sehr charmant. Ein leichter Hauch aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts weht durch die Seiten und vermischt sich mit quietschbunten Farben und Brauntönen.

Es gibt Charaktere an der Schwelle zwischen Gut und Böse, die dich hinein in ihre Geschichte ziehen und atemlos verfolgen lassen, wie sie durch die Nächte fliegen und entscheiden müssen, ob ihre Zukunft die eines Superschurken oder eines Superhelden ist. Auf ein paar Seiten lässt du dich fallen und strudelst in 3D-Bildern durch die Superheldenwelt und gehst mit Donnie und Kyte auf Raubzug (Moment, erinnern die Beiden nicht irgendwie an Bonnie und Clyde?).

 

„Für alle großen und kleinen Helden und für alle, die einmal unterdrückt waren.“ Benjamin Lacombe

Lacombe reist durch die Zeit. Er besucht Da Vinci in seiner Werkstatt, swingt zu Weihnachten, haucht Märchen und magischen Wesen neues Leben ein. Und er nimmt sich eines Künstlers an, der besser als alle andere zu ihm zu passen scheint. Mit Edgar Allen Poe bildet Lacombe eine schaurig gute Symbiose. Man fragt sich, ob es ein romantisches düsteres Band gibt, was sich über die Zeit streckt und Künstler über die Jahrhunderte hinweg verbindet. Wenn es das gibt, wird es hier sichtbar.

Poe könnte man (so wie Corben es tut) blutig interpretieren. Doch Lacombe gibt den Geschichten den sehnsüchtigen Hauch, der in die Verzweiflung umschlägt, die die Charaktere in den Wahnsinn treibt und morden lässt. Die Dunkelheit wird zu einem Spiel, aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint. Und doch ist sie da, die lichte Leichtigkeit, die einer Entscheidung eine andere Richtung geben würde. So wie es die Entscheidung des Mannes ist, erst sich selbst, dann seine Katze und später seine Frau zu zerstören. So wie er jeden Moment umkehren und seine Seele retten könnte. Lacombe zeichnet Poe, wie ich ihn bisher für mich interpretiert habe. Insofern ist dieses Buch nicht überraschend sondern eher wie eine Heimkehr.

PS: Mein Ergebnis beim Superhelden-Test ergab, dass ich schon fast die perfekte Superheldin bin. Also wenn ihr mich demnächst um die Ecke fliegen seht, wundert euch nicht!

PPS: Herzlichen Dank an Jacoby & Stuart für die Rechteeinräumung des Lacombe-Porträts von Matthieu Dortomb.

 

 

Edgar Allan Poe: Unheimliche Geschichten, Illustrationen Benjamin Lacombe

ISBN 978-3-941 787-03-2

 

Sebastien Perez/ Benjamin Lacombe: Superhelden, das Handbuch

ISBN 978-3-942 787-65-9

 

Lisbeth und das Erbe der Hexen

ISBN 978-3-941 087-58-3

[Rezension] Richard Corben „Edgar Allan Poes Geister der Toten“

Düster neblig verschlungene Wege von Figuren, die in poetischer Sprache über die Menschlichkeit hinausgehen, ihr innerstes Monster aufhören zu zähmen und dem Bösen nachgehen. Mit romantischen Bildern ist so ein Poe ein malerisches Gebilde. Ein lyrisches Spiel mit unserer dunklen Seite, die immer auch die lichte Hoffnung enthält.

Doch mit bunt kolorierten Grotesken verändern sich die Geschichten. Zwischen pink, lila und schreigelb tropft das Blut zu bizarren Gestalten, wird Poe völlig neu geschaffen. Corben interpretiert Poe, indem er Extrakte aus den Geschichten bildet, das Tempo brutal erhöht und damit die schwermütige Melancholie auslöscht. Geschichten die sich vorher in blumiger Sprache über Seiten zogen, werden nun auf ein paar Bilder reduziert.

In grellen Farben baden Gestalten, deren Charakter aus ihren Gesichtern springt. Corben entblößt ihre Seele und zeichnet ihre Grausamkeit, den Hass, die Dummheit, den Ekel ganz klar in die verzerrten Strukturen menschlicher Überreste.

Am Ende bleibt ein Schlachtfeld, was mir persönlich Poe entzaubert und trotzdem eine neue Bedeutungsebene schafft. Weg von dem Verblümten, Gehirnvernebelnden, vielleicht auch Hoffnungsvollen hin zu den Tatsachen, zur ganz klaren Krankhaftigkeit, von der im Zusammenhang mit Poe immer gesprochen wird.

Kein romantisches Seufzen ist hier möglich, vielmehr hält Entsetzen den Atem an. Kein schwärmerischer Gedanke bleibt zurück, sondern das, was es im Kern ist: Horror. Eine verstörende und zugleich großartige Leistung. In gewisser Weise wird Poe von seinem Thron gestoßen und ins 21. Jahrhundert gezerrt, um ihm einen neuen Platz zuzuweisen, der weniger romantisch-verklärt und umso ehrlicher ist, vielmehr zeigt, warum Poe eine immerwährende Größe dieser Art von Literatur ist. Sehr bizarr, aber eine interessante Begegnung, die ich nicht missen möchte.

 

Richard Corben: Edgar Allan Poes Geister der Toten

ISBN 978-3-958 39-145-1

www.splitter-verlag.de

 

Klappentext:

„Geister der Toten“ enthält vierzehn von Poes besten Erzählungen

u.a. „Der Untergang des Hauses Usher“,

„Der Doppelmord in der Rue Morgue“,

„Morella“,

„Die Maske des roten Todes“ und

„Lebendig begraben“

die Corben zwischen 2012 und 2014 adaptiert hat, jede von ihnen ist eine deutsche Erstveröffentlichung.

Auf über 20 Seiten zeigt Corben, warum Poe bis heute zu den Größen der Horror- und Kriminalliteratur zählt. Und drückt dabei jeder der Geschichten seinen eigenen, unverwechselbaren Stempel auf.

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Thema von Anders Norén.