Du streifst zwischen Regalen herum, so viel Papier, so viele Bücher, der Geruch und leises Rascheln von Seiten, die bedächtig umgeblättert bevor sie gekauft werden. Schöne Bücher darunter, sehr schöne, aber dann setzt für einen kurzen Augenblick dein Herz aus – das ist mehr als schön.

Du siehst ein rothaariges Mädchen, verletzlich und stark zugleich. Ein wenig befremdlich, denn ihre Augen sind ungewöhnlich groß.

Du gehst näher heran. Der Zauber bleibt, also nimmst Du das Buch mit dem Mädchen auf dem Cover in die Hand. Es ist anders als andere und dein Herz schlägt wieder, diesmal ein bisschen schneller, während deine Haut das Papier berührt, glattmatt, fest, ein richtiger Handschmeichler. Daneben noch einmal die gleichen Augen, ein anderes Buch, was an das rothaarige Mädchen erinnert. Ein Almanach.

© Matthieu Dortomb

Zwei Bücher in einem Schuber. Zu einem stattlichen Preis, den du gerade nicht einfach so hast. Aber du musst es einfach haben. Und wirst es nie bereuen. Denn das Gefühl für dieses Mädchen, für diese beiden Bücher, wird auch in den nächsten Jahren nicht weniger werden. Es bleibt ein verzaubertes Kleinod über eine Hexe und ihre Familiengeschichte, gezeichnet von einem nichtalltäglichen Künstler: Benjamin Lacombe.

Deshalb wirst du auch Jahre später ungesehen sein neuestes Buch bestellen: Superhelden, das Handbuch. Weil du Lacombe und weil du Superhelden magst. Das Buch ist anders als du es erwartest. Es ist weniger 21. Jahrhundert-Hollywood-Glamour, überhaupt nicht Marvel, einfach Lacombe und auf seine Weise sehr charmant. Ein leichter Hauch aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts weht durch die Seiten und vermischt sich mit quietschbunten Farben und Brauntönen.

Es gibt Charaktere an der Schwelle zwischen Gut und Böse, die dich hinein in ihre Geschichte ziehen und atemlos verfolgen lassen, wie sie durch die Nächte fliegen und entscheiden müssen, ob ihre Zukunft die eines Superschurken oder eines Superhelden ist. Auf ein paar Seiten lässt du dich fallen und strudelst in 3D-Bildern durch die Superheldenwelt und gehst mit Donnie und Kyte auf Raubzug (Moment, erinnern die Beiden nicht irgendwie an Bonnie und Clyde?).

 

„Für alle großen und kleinen Helden und für alle, die einmal unterdrückt waren.“ Benjamin Lacombe

Lacombe reist durch die Zeit. Er besucht Da Vinci in seiner Werkstatt, swingt zu Weihnachten, haucht Märchen und magischen Wesen neues Leben ein. Und er nimmt sich eines Künstlers an, der besser als alle andere zu ihm zu passen scheint. Mit Edgar Allen Poe bildet Lacombe eine schaurig gute Symbiose. Man fragt sich, ob es ein romantisches düsteres Band gibt, was sich über die Zeit streckt und Künstler über die Jahrhunderte hinweg verbindet. Wenn es das gibt, wird es hier sichtbar.

Poe könnte man (so wie Corben es tut) blutig interpretieren. Doch Lacombe gibt den Geschichten den sehnsüchtigen Hauch, der in die Verzweiflung umschlägt, die die Charaktere in den Wahnsinn treibt und morden lässt. Die Dunkelheit wird zu einem Spiel, aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint. Und doch ist sie da, die lichte Leichtigkeit, die einer Entscheidung eine andere Richtung geben würde. So wie es die Entscheidung des Mannes ist, erst sich selbst, dann seine Katze und später seine Frau zu zerstören. So wie er jeden Moment umkehren und seine Seele retten könnte. Lacombe zeichnet Poe, wie ich ihn bisher für mich interpretiert habe. Insofern ist dieses Buch nicht überraschend sondern eher wie eine Heimkehr.

PS: Mein Ergebnis beim Superhelden-Test ergab, dass ich schon fast die perfekte Superheldin bin. Also wenn ihr mich demnächst um die Ecke fliegen seht, wundert euch nicht!

PPS: Herzlichen Dank an Jacoby & Stuart für die Rechteeinräumung des Lacombe-Porträts von Matthieu Dortomb.

 

 

Edgar Allan Poe: Unheimliche Geschichten, Illustrationen Benjamin Lacombe

ISBN 978-3-941 787-03-2

 

Sebastien Perez/ Benjamin Lacombe: Superhelden, das Handbuch

ISBN 978-3-942 787-65-9

 

Lisbeth und das Erbe der Hexen

ISBN 978-3-941 087-58-3