Düster neblig verschlungene Wege von Figuren, die in poetischer Sprache über die Menschlichkeit hinausgehen, ihr innerstes Monster aufhören zu zähmen und dem Bösen nachgehen. Mit romantischen Bildern ist so ein Poe ein malerisches Gebilde. Ein lyrisches Spiel mit unserer dunklen Seite, die immer auch die lichte Hoffnung enthält.

Doch mit bunt kolorierten Grotesken verändern sich die Geschichten. Zwischen pink, lila und schreigelb tropft das Blut zu bizarren Gestalten, wird Poe völlig neu geschaffen. Corben interpretiert Poe, indem er Extrakte aus den Geschichten bildet, das Tempo brutal erhöht und damit die schwermütige Melancholie auslöscht. Geschichten die sich vorher in blumiger Sprache über Seiten zogen, werden nun auf ein paar Bilder reduziert.

In grellen Farben baden Gestalten, deren Charakter aus ihren Gesichtern springt. Corben entblößt ihre Seele und zeichnet ihre Grausamkeit, den Hass, die Dummheit, den Ekel ganz klar in die verzerrten Strukturen menschlicher Überreste.

Am Ende bleibt ein Schlachtfeld, was mir persönlich Poe entzaubert und trotzdem eine neue Bedeutungsebene schafft. Weg von dem Verblümten, Gehirnvernebelnden, vielleicht auch Hoffnungsvollen hin zu den Tatsachen, zur ganz klaren Krankhaftigkeit, von der im Zusammenhang mit Poe immer gesprochen wird.

Kein romantisches Seufzen ist hier möglich, vielmehr hält Entsetzen den Atem an. Kein schwärmerischer Gedanke bleibt zurück, sondern das, was es im Kern ist: Horror. Eine verstörende und zugleich großartige Leistung. In gewisser Weise wird Poe von seinem Thron gestoßen und ins 21. Jahrhundert gezerrt, um ihm einen neuen Platz zuzuweisen, der weniger romantisch-verklärt und umso ehrlicher ist, vielmehr zeigt, warum Poe eine immerwährende Größe dieser Art von Literatur ist. Sehr bizarr, aber eine interessante Begegnung, die ich nicht missen möchte.

 

Richard Corben: Edgar Allan Poes Geister der Toten

ISBN 978-3-958 39-145-1

www.splitter-verlag.de

 

Klappentext:

„Geister der Toten“ enthält vierzehn von Poes besten Erzählungen

u.a. „Der Untergang des Hauses Usher“,

„Der Doppelmord in der Rue Morgue“,

„Morella“,

„Die Maske des roten Todes“ und

„Lebendig begraben“

die Corben zwischen 2012 und 2014 adaptiert hat, jede von ihnen ist eine deutsche Erstveröffentlichung.

Auf über 20 Seiten zeigt Corben, warum Poe bis heute zu den Größen der Horror- und Kriminalliteratur zählt. Und drückt dabei jeder der Geschichten seinen eigenen, unverwechselbaren Stempel auf.