Anna Thur

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[Rezension] & Gedanken zu Jodi Picoult „Neunzehn Minuten“

Im Bücherblog von Steffi gab es eine Leserunde zu „Neunzehn Minuten“ und da mir Jodi Picoult in letzter Zeit immer öfter über den Weg gelaufen war, hatte ich mich spontan entschlossen, mitzumachen. Die ganze Sache lief so, dass Steffi Abschnitte einteilte, es gab einen Startschuss und wenn man einen Abschnitt gelesen hatte postete man seine Gedanken und Fragen bei Steffi.

Es war eine sehr schöne Runde und ich fand es gut, ein so komplexes Buch mit einem derartig schwierigen Thema zusammen zu lesen. Hier im Post habe ich für Euch noch einmal zusammengefasst, was ich an Gedanken zu den einzelnen von Steffi eingeteilten Leseabschnitten aufgeschrieben habe.

Kurz vorab: Es ist ein sehr lesenswertes Buch, das ich Euch nur wärmstens ans Herz legen kann. In dem Folgenden wird ein wenig gespoilert, wer sich also überraschen lassen möchte, liest besser nicht weiter. Trotzdem habe ich natürlich versucht, nicht zu viel zu verraten, denn die Überraschungsmomente sollten schon erhalten werden. Seid gewiss, sie sind GROSS.

Klappentext von Piper:

»Es ist vorbei, sagte er. Doch das war es nicht, es fing gerade erst an.« Nach seiner unaussprechlichen Bluttat in der Sterling Highschool zweifelt niemand an der Schuld des 17-jährigen Peter Houghton. Doch während der kleine Ort mit den Folgen dieser 19 Minuten zu ringen hat, wird das Rätsel um den Ablauf der Tragödie immer größer … Die Bestsellerautorin Jodi Picoult lotet die Hintergründe von großer Schuld und der verzweifelten Suche nach Gerechtigkeit aus.

 

Fakten:

Neunzehn Minuten

Jodi Picoult

Übersetzt von: Klaus Timmermann, Ulrike Wasel

Taschenbuch

480 Seiten, Kartoniert

€ 10,99 [D], € 11,30 [A]

ISBN: 978-3-492-25398-7

Erschienen am 01.06.2009

E-Book

Übersetzt von: Klaus Timmermann, Ulrike Wasel

480 Seiten, WMEPUB

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]

ISBN: 978-3-492-95975-9

Erschienen am 17.09.2012

 

 

1. Abschnitt: Seite 7 – 97

Am Anfang bekomme ich die Namen noch nicht ganz auf die Reihe. Es ist überhaupt das erste Buch, dass ich von Jodi Picoult lese, deshalb kenne ich noch nicht ihren Stil und manche Szenen fließen so beiläufig ein, du merkst, es könnte wichtig sein, kannst es aber noch nicht einsortieren und das macht es manchmal etwas schwierig. Gerade diese beiläufige Art ist es aber auch, die den Sog erzeugt. Inzwischen habe ich mich nämlich heftig festgelesen, war sogar etwas eher wach und musste weiterlesen (das ist mir zuletzt vor Jahren mit „Der Schatten des Windes“ so passiert …).

Der Schreibstil erinnert mich von der Sprache her sehr an John Grisham, das könnte aber durchaus an der Übersetzung liegen. Die ersten zwanzig Seiten gingen ganz flüssig. Patrick, der Polizist, hat eine sehr spannende Rolle und mir gefällt, wie Picoult seinen Charakter entwickelt hat: Wie er trotz hoher Aufklärungsrate so rastlos ist und am liebsten Verbrechen vermeiden und nicht bekämpfen möchte. Dann wurde es etwas zäh, die unterschiedlichen Personen, die auftauchen, die Setting-Wechsel machen es kompliziert und dann rutschte man langsam in den Amoklauf hinein. Heftig. Danach brauchte ich erst einmal eine Lesepause. Es war emotional anstrengend und gleichzeitig war Patrick, wie er Josie schützt und von diesem Ort wegbringt so warm, dass ein großartiger Gegenpol zu diesem düsteren Ereignis entsteht, da ist Hoffnung …

Kurz danach war ich wieder etwas überfordert, es geht in die Vergangenheit, als Leser verstehe ich aber nicht sofort warum: Bis immer klarer wird, dass alles, aber wirklich ALLES auf diesen Amoklauf zustrebt, jede einzelne Begebenheit Peter immer weiter auf der Straße zu seiner Tat voranbringt. Schuld ist da natürlich das, was immer wieder auftaucht, aber nicht so eindeutig bearbeitet wird.

Ich bin jetzt sehr sehr gespannt auf den zweiten Leseabschnitt und hab genau die gleichen Fragen wie die anderen aus der Leserunde. Denn es ist schon sehr bewegend wie man gleichzeitig Peter als Opfer und Täter erlebt, oder Josie als alte Freundin in einer ganz neuen Haut/Rolle …

 

2. Abschnitt: Seite 98 – 203

Ich bin hin und hergerissen beim Lesen und das wird immer mehr. Auf der einen Seite ist man entsetzt, wie Peter so etwas tun konnte. Auf der anderen Seite fragt man sich, wie er dazu gemacht wurde, wer außer ihm Schuld hat. Dann wieder sieht man nur das Monster in Peter.

„Wie viele habe ich erwischt?“ Dieser Satz hat sich mir in den Magen gebohrt wie eine Faust. Vorher sind da die verzweifelten Eltern, die nicht fassen können, dass ihr Sohn so etwas getan hat und dann die Sicht des Anwalts. Der Peter zum ersten Mal sieht und sich fragt, wie eine Person, die so aussieht, so etwas getan haben kann. Der in Peter ein Kind sieht. Und dann Peters Frage. Das ist echt heftig. Genauso kaltblütig wie der Peter, den der Polizist Patrick auf dem Video bei der Tat beobachtet.

Jordan, der Anwalt, versucht auch zu verstehen, wer Peter ist und was ihn zu dem gemacht hat, was er ist. Dabei stellt er folgendes fest (S. 192):

 

„Dieser Junge war nichts als das, was von einem Menschen übrig blieb, wenn man die primitivsten Emotionen zusammenmischte und jeden sozialen Bezug aus ihnen herausfilterte. Wenn du leidest, weine. Wenn du zornig bist, schlag zu.“

 

Und es wird irgendwie immer spannender, ich habe sogar erst einmal das Ende des Abschnitts überlesen und sofort mit dem dritte Abschnitt weitergemacht. Irgendwann fiel mir auf, dass es so war und musste erst mal suchen, wo der zweite Abschnitt aufhörte.

Zwischendurch hatte ich allerdings ein kleines Tief. Etwa auf Seite 108 habe ich mich gefragt, ob es die ganze Zeit so weiter gehen wird und worauf der Plot hinausläuft. Ich möchte mehr darüber wissen, wie es weiter im Verhältnis von Lacy und Alex geht. Dann habe ich allerdings das gelesen, was Ihr, Steffi und Jule, zum ersten Abschnitt geschrieben habt und schließe mich an, dass da noch das dicke Ende kommt …

In dem Abschnitt gibt es übrigens ein Zitat, dass Patrick sehr gut charakterisiert (S. 138)

 

„Patrick musste ihr nicht erklären, dass es mit einer Verurteilung von Peter Houghton nicht getan war. Damit Patrick seinen Seelenfrieden halbwegs wiederfinden konnte, würde er verstehen müssen, warum Peter zum Amokläufer geworden war.

Um verhindern zu können, dass so etwas je wieder geschah.“

 

3. Abschnitt: Seite 204 – 323

Wie sich das Verhältnis von Matt und Josie entwickelt, finde ich echt gruselig. Auf der einen Seite habe ich irgendwann schon so etwas geahnt, aber definitiv nicht in diese Richtung. Das fällt ja mit dem Tag zusammen, der für Peter fast der schönste Tag in seinem Leben geworden wäre. Und das ist Drama pur. Einerseits ist es schön, weil er diese Zeit mit Josie hatte, andererseits ist das Ende des Tages echt die Hölle für ihn. Da tut er mir wieder richtig leid.

Was Peters Kälte betrifft, steigert sie sich ja, außer wenn es um Josie geht. Da habe ich mich schon eher gefragt, welche Rolle da das Gefängnis spielt. Wir erleben ja auch seinen aktuellen Wandel mit. Das muss nicht direkt was mit der Tat zu tun haben. Zum Beispiel schon alleine die Tatsache, dass er mit Sport anfängt. Warum jetzt und nicht vorher. Mich würde es schon interessieren, wie es ihm in der Zelle geht, was mit ihm passiert, was seine Innenwelt ist. Wir erleben ja die Innenwelt von Josie sehr. Aber was ist mit Peters Gedanken zu der Tat?

 

4. Abschnitt: Seite 324 – 401

Für mich war das auch ein eher emotionaler Abschnitt. Peter wird jetzt deutlich, weicher, ohne dass man falsches Mitleid bekommt. Es ist einfach wirklich heftig was da passiert ist. Und andererseits macht sich hier auch wieder die unterschiedliche Perspektive auf: Da sind die, die das als Spaß sehen, wenn sie andere schikanieren und die, die auch sagen „Das ist uns allen passiert.“ Auf der anderen Seite ist Peter und seine Welt: er, der das nicht wegpacken konnte, sich nicht dagegen wehren konnte. Heftig finde ich die Aussage von seinem einzigen Freund, der schon klar macht, dass es Peter schon immer schlimmer erwischte als alle anderen und dann sagt, er würde sich wünschen, er hätte die Tat selber geplant.

Dass Josie jetzt auch besser nachvollziehbar wird, ist sehr gut. Aber irritierend ist, dass die Andeutungen, was an ihrer Beziehung zu Matt nicht so toll war, keine Rolle mehr spielen. Im Gegenteil, sie himmelt ihn die ganze Zeit an. Jetzt beim Schreiben hab ich aber ne Idee dazu. Muss unbedingt weiterlesen …

Peter kleidet sich im Gefängnis für die Verhandlung an (S. 370):

 

„Peter hatte keinen Spiegel in der Zelle, doch er vermutete, dass er jetzt ganz normal aussah. Wenn er sich in diesem Moment auf eine belebte New Yorker Straße beamen könnte, würde wohl niemand auf die Idee kommen, was für einer sich in diesen feinen Klamotten versteckte.

Nach all dem hatte sich nichts geändert.“

 

Eine Sache fand ich noch eigenartig: Peter fühlt sich ja von allen Seiten schikaniert, missverstanden, abgelehnt. Aber seine Mutter wirkt gerade in diesem Abschnitt total liebevoll – Sand im Keller ausschütten, damit sie Sandburgen bauen können etc. All das, was Josie aus ihrer Erinnerung erzählt … Warum hat Peter seine Eltern nicht so gesehen? Warum packt er emotional für sich seine Eltern mit seinen Mitschülern in einen Topf? Könnte es mit dem Camp zu tun haben, aus dem er nicht abgeholt wurde und was ist da passiert?

 

5. Abschnitt: Seite 402 – 473

Habe den fünften Abschnitt gerade gelesen und mich hat es doch etwas umgeworfen. Das Ende ist sehr emotional und ich werde noch ein paar Tage damit zu tun haben. Es gibt Antworten auf die offenen Fragen und man geht schon irgendwie aus dem Buch mit (trauriger) Gewissheit raus. Wie die Dinge zusammen gewirkt haben, was die Figuren zu dem gemacht hat, was sie sind. Bis auf die Frage, was in dem Summer Camp mit Peter passiert ist, aber das scheint nicht mehr wichtig zu sein.

Das Ganze wirkt wie ein rollender Stein, der immer wieder angeschoben wurde, von vielen kleinen Situationen und eigentlich nicht aufzuhalten war. Die Erklärung des psychiatrischen Gutachters in der Verhandlung, dass der Computer für Peter immer ein sicherer Rückzugsort war und durch Peters zufälliges Wiederfinden des Briefes zerstört wurde, ist der plausible Schluss. Trotzdem entschuldigt ihn die Autorin nicht. Alle Verantwortlichen werden zur Verantwortung gezogen.

Ganz stark finde ich die Reaktion und die Bedeutung von Alex, Josies Mutter, am Ende. Wie sie wirklich als Mutter agiert, als Freundin und wie sie es letztlich schafft, in der Situation zu wachsen. Und wenn ich daran denke, wird es ein schönes Buch über eine berufstätige Mutter, über ihre Entwicklung und wie sie ihre Handlungen in dem Moment verändert, als ihre Tochter sie am meisten braucht.

 

Parallelen zu „Es wird keine Helden geben“

Zwischendurch kam der Gedanke auf, dass es an „Es wird keine Helden geben“ erinnert und abschließend muss ich sagen: Manche Stellen sind wirklich von der Grundgestaltung her sehr ähnlich.

„Es wird keine Helden geben“ ist ganz klar ein Jugendbuch. Da ist die Perspektive der Jugendlichen viel stärker drin und die Erwachsenen nehmen nicht so viel Raum ein. Insgesamt ist Picoult viel komplexer, geht wesentlich mehr auf die Dynamik zwischen Menschen ein. Seidl ist da eher an der Gedankenwelt, die manchmal auch etwas viel wird.

An Anna Seidls Buch spannend ist, dass es wesentlich europäischer ist. Wenn aber Seidl lesen, dann würde ich jetzt schon noch einiges an Zeit verstreichen lassen. Für Jugendliche ist „Es wird keine Helden geben“ aber definitiv empfehlenswert!

 

Habt Ihr das Buch gelesen und welches Buch von Jodi Picoult könnt Ihr mir noch empfehlen? Hinterlasst mir auch gerne Links zu Euren Rezensionen, bin gespannt …

© 2017 Anna Thur. Alle Rechte vorbehalten.

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