Anna Thur

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John Green ‚Das Schicksal ist ein mieser Verräter‘

Das muss ein Ende haben, ein fünftes Mal über diesem Buch einschlafen wäre Quatsch. Sonst war es wenigstens abends, jetzt ist es 7 Uhr morgens an meinem vorletzten Urlaubstag. Es reicht. „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ kann mich, obwohl alle es in den Himmel gelobt haben, nicht packen. Und gerade habe ich die langweiligste Reisebeschreibung gelesen, die man sich vorstellen kann. Das darf ein Autor einfach nicht. Dazwischen Sätze wie …

„Hazel setzt sich gegen die Ghettoisierung von Rührei ein“, erklärte Mom.

„Es ist doch peinlich, dass wir alle blind durchs Leben gehen und einfach so akzeptieren, dass Rührei ausschließlich mit der Morgenmahlzeit assoziiert wird.“

„Darüber würde ich gern ausführlicher mit dir reden“, sagte Augustus. „Aber jetzt bin ich am Verhungern. Ich bin gleich wieder da.“ S. 132f.

Eigentlich war schon die „Vorbemerkung des Autors“ erschreckend:

„Das ist weniger eine Vorbemerkung des Autors als die Erinnerung daran, was schon auf Seite zwei im Kleingedruckten steht: Dieses Buch ist ein fiktives Werk. Ich habe es frei erfunden.

Sich zu fragen, ob eine Geschichte auf Ereignissen in der Wirklichkeit beruht, kommt weder einem Roman noch seinen Lesern zugute. Derartige Versuche untergraben die Idee, dass erfundene Geschichten Bedeutung haben, eine Idee, die mehr oder weniger die Grundlage unserer Spezies ist.

Ich bedanke mich für die Kooperation.“

Ist da irgendetwas ironisch, zynisch oder meint der Autor das ernst? Egal, dachte ich mir beim ersten und sogar noch beim zweiten Lesen. Es geht ja um das was danach kommt, um die Story, also Vorbemerkung ignoriert, weiter zum Wesentlichen.

Auf Seite 50 reicht es mir das erste Mal so richtig, ich verpasse aber mir aufzuschreiben, warum. Auf Seite 60 schlafe ich ein. Auf Seite 80 fast wieder, rette mich nur, indem ich ein paar substanzlose Notizen zum Buch mache. Nichts Greifbares, um eine Rezension daraus zu machen. Genauso wenig greifbar wie das Buch. Für Seite 90 schreibe ich auf, dass das, was oben auf der Seite steht, ganz cool ist. Aber eben auch wieder zu cool, zu sarkastisch, die Bitterkeit eines Erwachsenen bricht durch und das ist nicht herzerwärmend. Seite 92 bringt mich fast wieder zum Einschlafen und zu dem Vergleich, dass ich gerade mit dem Buch in einer schlechten Beziehung stecke: Du denkst die ganze Zeit, mach nur noch einen Fehler, dann bin ich weg. Für Seite 130 schreibe ich mir auf: letzter Satz nervig. Ein paar Seiten habe ich es dann wohl noch versucht, aber keine Notizen mehr gemacht.

Was mich so sehr stört oder langweilt, kann ich nicht in Worte packen, selbst nach längerer Überlegung. Weg mit den Emotionen, doch selbst objektive Beschreibungen dafür, was das Buch ausmacht, bleiben aus. Hangeln wir uns also an dem entlang, was auf der Rückseite des Buches angekündigt wurde.

Lachen. Nein.

Weinen. Nein. Während des Schreibens habe ich mir den Trailer zum Kinofilm angeschaut. Ja, da kommen mir die Tränen. Aber im Buch nicht.

Niemals rührselig. Doch. Keine Ahnung, wie man es witzig, charmant oder was auch immer gestalten soll, dass einem Jungen Augen wegen Krebs rausgenommen werden. Hier ist es einfach nur deprimierend. Aber nicht im tragischen Sinn, sondern rührselig.

Tiefgründig. Ähm. Ok, vielleicht. Wirkt aber manchmal gewollt. Wie das fortwährende Zitieren dieses einen Buches mit dem unsexy und uncoolen Titel „Ein herrschaftliches Leiden“ vom sogenannten Peter van Houten. Wenn es das Stalken von Büchern noch nicht gibt, hat John Green es erfunden. Aber Stalking ist nicht cool.

„John Green ist für Teenager das, was Philip Roth für Männer und John Updike für Ehepaare ist – er liest die Welt aus ihnen ab.“ Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Tobias Rüther

Kurz zuckt der Gedanke auf: ups, das war ja ein Jugendbuch. Wieso klang es so alt? Marina Keegan, klar Ausnahmetalent, aber so klingt nun mal jung. Und dieses ‚alt‘ klingen macht auch den Humor kaputt. Wenn ein Teenager vor Verzweiflung das Zimmer seines Freundes zerlegt und dabei alles zerstört, was dessen Leben vor der Krebs-OP ausgemacht hat, ist das wenig witzig, auch wenn es sich die Buchfigur schönredet.

„Der beste Green, den es je gab. Du lachst und du heulst und dann kommst du wieder und willst mehr.“ Nein und wenn das der beste John Green war, werde ich nicht wiederkommen. „Heart. Beat. Love.“ trifft eher auf die Beschreibung zu und weil Vergleiche nie fair sind, widme ich mich doch lieber gleich diesem Buch und spoilere nicht weiter herum.

Mit etwas Abstand möchte ich fairerweise noch anmerken, dass ich drei Menschen, die mir sehr nah waren, mit Krebs habe vegetieren und daran sterben sehen. Prägt den Blick auf das Thema.

© 2017 Anna Thur. Alle Rechte vorbehalten.

Thema von Anders Norén.