Anna Thur

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Über Geheimnisträger und die Treue von Papier

Seit drei Stunden knie ich auf dem Boden und folge seinen Worten durch das Deutschland am Kriegsende, flüchte mit ihm über die Berge nach Italien, atemlos, langsam kommen wir zum Kern. Ich bemerke das erste Flackern des Diktiergeräts. Mein Blick geht zur Seite, es lenkt ihn ab. Er fängt wieder an, religiös philosophische Sätze aneinanderzureihen, weit ab vom Thema, weit ab von dem, wo wir hinmüssen. Das Risiko ist hoch den Faden zu verlieren, diesmal vielleicht für immer.

Also wieder die Augen auf ihn richten, eine Frage stellen, ihn zurückführen. Warum versteckte er sich auf dem Markt und wieso durfte man den Namen des Landes nicht erwähnen? Wieder scheint seine Angst durch: Wenn sie ihn finden, werden sie ihn umbringen. Mit Sicherheit. Auch heute noch oder morgen. Deshalb darf ich niemandem seinen Namen verraten. Er erzählt sich tiefer hinein in die Schatten seiner Erinnerung. Mein Diktiergerät flackert ein letztes Mal. Im Augenwinkel sehe ich: Das Licht geht endgültig aus. Ich weiß, es nimmt jetzt nicht mehr auf. Also muss ich noch mehr aufschreiben, kein Wort darf mir verloren gehen. Schreiben, schreiben, schreiben – ohne den Kontakt zu ihm zu verlieren. Das ist jetzt wichtiger denn je.

Ein Notizbuch kann ein Interview retten. Aber es darf um keinen Preis auffallen, ablenken. Stift und Papier müssen perfekt zusammenspielen, die Seiten müssen sich einfach umblättern lassen, es muss genügend Platz da sein. Und am Ende, wenn er dir Postkarten mitgibt, Flyer, Fotos, Skizzen seines Fluchtweges, dann dürfen sie nicht verloren gehen, die kleine Tasche an der letzten Seite wird zur Schatztruhe und das Gummiband um das Notizbuch der Wächter über den sicheren Weg.

Notizen Anna ThurIn Nächten, in denen du atemlos aus einem Traum aufwachst, mit Gedanken, Plots, Träumen, Dialogen, die megagenial sind, knipst du das Licht an. Da zählt jede Sekunde. Und hastig fliegt die Hand über das A4-Papier, das sich herausreißen und einzelnen Geschichten, Projekten, zu sortieren können lassen muss. Es muss bereitliegen, groß genug sein, um die Gedanken festzuhalten, die nur allzu schnell entfliehen wollen.

Wenn es dann aber um ein Projekt geht, das so jungfräulich ist, dass ich Dir noch nichts Genaues davon verraten mag, ist eine luxuriöse Kladde das perfekte Heim, um jedem einzelnen Wort ein Zuhause zu geben, jede Silbe, die mehr als zählt, an die richtige Stelle zu setzen.

Und das Ideenbuch? Das muss um jeden Preis loyal sein, denn es ist immer an deiner Seite. Es muss Fetzen festhalten in Wort, Schnipsel, Bild … Es muss zu dir passen, deinen Augen schmeicheln und ganz anders sein als die anderen. Denn du musst es sofort finden, in der Eile, zwischen Tür und Angel auf dem Sprung, mit der Zeit im Nacken. Und noch einmal: zuallererst ein treuer Freund.

 

Schreibst Du Tagebuch oder in Notizbücher? Was ist dabei für Dich wichtig?

Falls Du es noch nicht gesehen hast, ich verlose bis zum 22. Mai 2015 Heimathäfen für Deine Gedanken und Geheimnisse.

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Thema von Anders Norén.