Eine Kollegin, deren (Schreib-)Stimme mir mehr und mehr ans Herz wächst und die ich nicht mehr missen möchte, hat ein neues Buch veröffentlicht. Eine schöne Gelegenheit, sie zu Wort kommen zu lassen und etwas mehr über Ihr Buch und das Schreiben zu erfahren und nicht zuletzt, um ihrer Stimme ein wenig zu lauschen …

Dein neues Buch ist da. Herzlichen Glückwunsch. Magst du etwas darüber erzählen, wie es entstanden ist?

Vielen Dank, ja, sehr gerne. In „Eine Diebin zum Verlieben“ habe ich eine Figur in die Gegenwart geholt, die mich seit meiner Kindheit begleitet. Jedes Mal, wenn ich etwas über Robin Hood sah oder las, hallte in mir ein besonderes Gefühl nach. Mich beeindruckte dieser Wille und Mut, sich für die Schwachen einzusetzen. Daran erinnerte ich mich, als ich überlegte, welches Thema mich so faszinieren könnte, um mich viele Monate damit zu beschäftigen. Ich stellte mir die Frage, was passieren würde, wenn ich aus der Legende Robin Hood eine lesbische Frau machen würde.

Dass es Robin Hood gegeben hat, konnte nie bewiesen werden. Es gibt jedoch ein paar reale Räuber, durch die einige Schriftsteller inspiriert wurden, wie zum Beispiel Christian August Vulpius, der die Figur Rinaldo Rinaldini erschuf. Im 18. Jahrhundert lebte in Italien der Räuberhauptmann Angelo Duca, der aufgrund seines Gerechtigkeitssinns für viele zum Helden wurde. Ich machte ihn zu dem Vorbild meiner Robin und ließ so seine Geschichte und die Ergebnisse meiner Recherchen in den Roman mit einfließen.

War das Schreiben diesmal anders, jetzt beim zweiten Buch?

Ja und das hat mich zunächst sehr irritiert. Beim ersten Buch, „Alles nur Kulisse“, hatte ich eine grobe Vorstellung von den beiden Hauptfiguren und beschäftigte mich dann mit Daily Soaps, Sektenstrukturen und der Rolle eines jeden Einzelnen in unserer Gesellschaft. Umso mehr ich über die Thematiken wusste, umso häufiger bekam ich Ideen für Szenen in denen die Figuren auftauchen sollten und wollten. Ich schrieb nicht chronologisch, sondern fügte die Szenen Stück für Stück zusammen. Das machte die Überarbeitung langwierig, denn obwohl die Geschichte für mich im Kopf komplett war, waren die Übergänge nicht immer flüssig und logisch.

Beim zweiten Buch ließ ich zunächst die Figuren über einen langen Zeitraum entstehen. Ich füllte Charakterbögen und schrieb Vorkommnisse aus ihrer Vergangenheit auf. Es gibt eine Art sich der Figur zu nähern, die ich sehr mag, man lässt sie aus ihrer Perspektive einen Brief, oder auch mehrere, an die Autorin schreiben. Während der Brief entsteht, offenbaren sich viele Charaktereigenschaften der Figuren. Es ging zum Beispiel damit los, dass Robin mich duzte, während Hanna mich siezte. Hanna erzählte direkt von ihrer beruflichen Situation, was mir zeigte, dass sie das sehr beschäftigte. Robin schrieb frei heraus: „Ich soll dir über mich erzählen wer ich bin. Nun, man würde mich wohl als eine Diebin bezeichnen. Ich bin eine Diebin, zweifelsfrei. Ja, natürlich, ich stehle. Aber ich klaue von denjenigen, die anderen Unrechtes getan haben.“ Durch diese Übung bekam ich auch schnell ein Gefühl für die Sprache der beiden. Ich hoffte, dass mir die Ideen für die Szenen anschließend wieder zufliegen würden, doch klare Bilder blieben aus. Stattdessen redeten die beiden weiter. Ich füllte einen Schreibblock sowie etliche Notizzettel mit einzelnen Sätzen, kurzen möglichen Dialogen und Vorgehensweisen von Robin und Hanna. Dabei merkte ich, dass ich erst einen Weg finden musste, diese beiden unterschiedlichen Frauen zueinander zu bringen und verstehen musste, warum sie sich ineinander verliebten. Als das gelöst war, kamen auch die Ideen für Orte und Szenen. Ich entwickelte in einer Woche ein Stufendiagramm mit Kapitelabfolgen, an dem ich mich entlang schrieb und die Szenen ausformulierte. Diese Erfahrung hat mir gezeigt, dass ich nicht ein Grundrezept für die Entwicklung einer Geschichte nehmen kann, nur weil es mal gut funktioniert hat. Jeder Text scheint eine andere Herangehensweise zu benötigen.

Du hast einen Hauptberuf, wie viel Zeit bleibt Dir da für das Schreiben und wie organisierst Du Dich, Dein Schreiben?

Auch das scheint in einem stetigen Wandel zu sein. Das erste Buch habe ich zum Teil vor der Arbeit geschrieben, außerdem hatte ich immer ein Notizbuch dabei und schrieb Szenenfragmente, wenn es die Zeit hergab. Beim zweiten Buch habe ich mir unter der Woche einen Abend freigehalten und schrieb dann ungefähr zwei Stunden am Stück sowie mindestens einen Tag des Wochenendes. Die Kurzgeschichte „12 Tage“ entstand überwiegend handschriftlich auf einem Block, ich schrieb während ich draußen im Park saß, spätabends tippte ich den Text dann ab und überarbeitete ihn direkt.

Unter der Woche bin ich nun meist zu müde, ich versuche mir mindestens einen ganzen Tag des Wochenendes freizuhalten, zudem nehme ich mir einige Urlaubstage im Jahr, um diese durchzuschreiben. Ich denke, man sollte da nicht zu streng mit sich sein und krampfhaft versuchen ein bestimmtes Konstrukt durchzuhalten, nur weil es bei einem abgeschlossenen Projekt funktioniert hat. Der Alltag verändert sich und einem selbst geht es auch nicht immer gleich gut. Ich versuche mittlerweile immer neu zu entscheiden und zu überlegen: wie klappt das Schreiben heute für dich? Welche Form macht dir Spaß? Willst du viele Stunden am Stück schreiben, oder nur eine halbe Stunde auf dem Notizblock? So komme ich gut voran, also, zumindest momentan.

Schreiben ist nicht immer einfach. Warum tust Du Dir das an und was ist Schreiben für Dich?

Das Schreiben gibt mir die Möglichkeit, mich voll und ganz einem Gefühl hinzugeben. Ich kann mich den vielen Facetten einer Figur nähern, wie ich es mich nur bei den wenigsten Menschen trauen würde. Ich nehme mir die Zeit, eine Szene so intensiv zu durchleben, wie es in der Realität nicht möglich wäre. Ich erlaube mir, auf Details zu achten, was im Alltag leider oft untergeht. Das macht das Schreiben für mich zu etwas sehr besonderem. Ich kann zum Beispiel etwas Schönes festhalten und habe die Möglichkeit, es noch besser zu machen. Drei Stunden an einer Kuss-Szene zu schreiben ist nicht nur aufregend, es erlaubt mir auch, diesen Moment anzuhalten und ihn von vielen Seiten zu betrachten. Am Tag nachdem ich geschrieben habe, erlebe ich vieles bewusster. Ich achte auch bei mir vertrauten Menschen auf Gesten und Mimik und entdecke Neues, ich betrachte die Farben um mich herum genauer, bleibe öfter stehen um den vielen Geräuschen zu lauschen. Dieses Abtauchen in eine Phantasiewelt lenkt meinen Blick auf die Schönheit um mich herum.

Was machst Du, wenn Du mit einer Geschichte nicht weiter kommst?

Diese Situation hatte ich erst vor ein paar Wochen, mittlerweile habe ich zum Glück erkannt, was mir hilft, ich brauche dann neuen Input. Ich beschäftige mich mit dem Grundthema der Geschichte, lese Sachbücher oder Artikel, momentan schaue ich viele Dokumentationen. Kritzeln in Form des Mindmappings hilft mir ebenfalls; ich klappe den Notizblock auf, schreibe Worte die mich beschäftigen in die Mitte, und ergänze Assoziationen, auch wenn diese vielleicht nichts mit der Geschichte zu tun haben.

Mittlerweile habe ich auch gelernt den Text zu ignorieren und mich erst wieder dranzusetzen, wenn ich ein gutes Bauchgefühl habe. Noch beim letzten Buch war ich sauer auf mich, wenn es mit dem Schreiben mal nicht klappte. Ich bekam dann schlechte Laune, war unzufrieden und habe auch das ganze Projekt in Frage gestellt. Ich denke mittlerweile, man sollte sich nicht unter Druck setzen und auf sich vertrauen. Wenn es ein Thema gibt, das einem am Herzen liegt und man Figuren entwickelt hat, die man irgendwann mit anderen teilen möchte, dann werden die passenden Worte dazu ihren Weg auf das Papier finden. Selbst wenn einige Wochen verstreichen, oder auch mal ganze Szenen gestrichen werden müssen, ist diese Zeit nicht vergebens, denn jeder Schritt wieder hin zu der Geschichte, lässt sie am Ende zu dem einen besonderen Text werden.

Gibt es schon ein neues Projekt?

Ja, ich arbeite an einem Romanmanuskript. Die Grundthematik habe ich, und die ersten Szenen sind verfasst, doch mir fehlt bisher der Mut darüber zu reden. Ich weiß noch nicht, wie es für die beiden Hauptfiguren ausgehen wird und wie sie an ihre Ziele gelangen. Erst wenn ich das herausgefunden habe, kann ich zum Beispiel auch mit meinem Verlag über die Geschichte reden. Ich weiß, dass ich die Figuren dann gegebenenfalls verteidigen muss, dafür muss ich zu ihnen stehen können und momentan kenne ich sie dafür noch nicht gut genug. Es wird wohl Zeit, ein paar Briefe zu lesen.

Weiterlesen!

Wer jetzt neugierig auf das Buch geworden ist: Hier kommst Du zum Buch und hier erfährst Du mehr über die Autorin. Und natürlich habe ich auch das Buch gelesen und hier dazu ein paar Gedanken festgehalten.

Bevor es für Dich heißt „Viel Spaß beim Weiterlesen!“ – welche Briefe fallen Dir spontan ein, für die es Zeit wäre, sie zu lesen?